Texte

So klug möchte ich auch sein
Zwei handfeste Rituale
Staub - Horizont des Lebens
Der Berg, der Dichter und das Glück
Protokoll (m)einer Unvollkommenheit 
Ein freundlicher Gruss des Universums
Vom Murren und Knurren …
 Das Glück der Selbstvergessenheit

Alles spielt

Der Mensch ist bekanntlich nur da ganz Mensch, wo er spielt, wie es bei Schiller heisst. Unsere ganze Kultur gründet ursprünglich im Spiel. Es ist eine Grundkategorie menschlichen Verhaltens - und eine elementare Form der Sinnfindung.

Bereits die antike Philosophie hat der Welt einen spielerischen Zug verliehen. Heraklit vergleicht den Weltlauf mit einem spielenden Kind, das Brettsteine setzt; Platon sieht den Menschen als Geschöpf eines spielenden Gottes. Die Vorstellung der Welt als göttliches Spiel hat auch in die biblische Weisheitsliteratur und in die frühchristliche Theologie Einzug gehalten.

Heute beschreibt die Wissenschaft das ganze Weltgebäude als Zusammenspiel von festen Regeln und spontanen, zufälligen Prozessen. Das Spiel der Kräfte und Teilchen hat diesen Kosmos in seiner ganzen bunten Vielfalt hervorgebracht, vom kleinsten Gänseblümchen bis zum mächtigsten Stern.

Das Spiel gehört wesentlich zu dieser Welt. Seine Regeln garantieren das erforderliche Mass an Ordnung, der Zufall ermöglicht die Freiheit. Wir Menschen brauchen beides: Die Verlässlichkeit der Regel und die Freiheit des Zufalls. So können wir unser Leben gestalten - und geniessen.

Ein Spiel verfolgt keinen Zweck, es trägt seinen Sinn in sich selbst. Das Leben lebt ohne Warum, wie Meister Eckhart sagt. Es kommt einzig darauf an, mit viel Hingabe und Liebe zu spielen. Mit einer heiteren Gelassenheit, ebenso ernst wie unbeschwert.

So lässt sich leben, hier und jetzt und bis ans Ende aller Tage, meint Rainer Maria Rilke: "Und dann eines Tages alt sein und noch lange nicht alles verstehen, nein, aber anfangen, aber lieben, aber ahnen, aber zusammenhängen mit Fernem und Unsagbarem bis in die Sterne hinein."

© Lorenz Marti:
Der innere Kompass
Herder 2017


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