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Texte
Ein stilles Ja
Einer der schönsten Briefe, den ich zu meinem ersten Buch „Wie schnürt ein Mystiker seine Schuhe?“ erhalten habe, stammt von einer alten nach eigenen Angaben „uralten“ - Frau, die ich nicht näher kenne. Sie schrieb mir, dass sie jeweils am Morgen etwas im Buch gelesen und dabei eine erstaunliche Erfahrung gemacht habe: „Es geschah jedes Mal etwas Seltsames. Komisches Gefühl in meinem Gesicht: alte Frau, du lächelst ja! Immer wieder geschah diese Verzauberung, wirkte durch den Tag fort, machte mich freundlicher und offener.“ Mit ihrem Lächeln hat diese Frau mein Buch weitergeschrieben.
Dieses Lächeln hat sie nicht absichtlich gemacht. Sie ist offensichtlich selber überrascht, als sie feststellt, was da in ihrem Gesicht passiert. Vielleicht plagen sie die Beschwerden des Alters, so dass sie nicht unbedingt Grund zur Heiterkeit hat. Doch ein solches Lächeln braucht keinen Grund. Es ergibt sich. Es ist ein Geschenk. Ein stilles Ja zum Leben.
Ein solches Lächeln ist kein Zuckerguss über eine schwierige Welt. Aber es schafft etwas Abstand zur Welt, die so neu wahrgenommen und geschätzt werden kann. Die alte Frau sagt in einem schlichten, schönen Satz, was dann passiert: „Das Hier wird ein freundlicher Ort.“
Diese Freundlichkeit, so vermute ich, liegt nicht daran, dass der Ort besonders wäre. Sie liegt im Blick der Frau. Ein freundlicher Blick rückt selbst eine unfreundliche Welt in ein mildes, versöhnliches Licht, das heiter stimmen kann.
So sind auch schwere Stunden eher zu durchstehen. Oder zu durchwandern: Das Spazieren hat mit dem Lächeln eine gewisse Leichtigkeit gemeinsam. So ernst das Leben über weite Strecken auch sein mag, es verdient nicht jene letzte Ernsthaftigkeit, die wir ihm oft geben. Angemessen ist eher eine Haltung heiterer Gelassenheit. Sie kann das Hier zu einem freundlichen Ort machen. Nicht für immer, aber immer wieder.
© Lorenz Marti:
Mystik an der Leine des Alltäglichen
Herder 2010
